Im Kulturhistorischen Museum Rostock befindet sich das weltweit größte Konvolut von Kunstwerken der Klassischen Moderne, die 1937 in deutschen Museen beschlagnahmt wurden.
Sie umfasst 614 Werke: 27 Gemälde, 6 Plastiken, 23 Aquarelle, 20 Zeichnungen und 538 Druckgraphiken. Die hochkarätigen Werke wurden von Künstlern wie Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Christian Rohlfs, Willi Baumeister, Rudolf Belling, Max Pechstein, Erich Heckel und Ernst Barlach geschaffen.
Seit 2017 widmet sich auch eine Ausstellungsserie „Rostocks Klassische Moderne: »Entartete Kunst« aus dem Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer.“ diesem einzigartigen Bestand – aktualisiert die 2007 begonnene Provenienzforschung und liefert neue Erkenntnisse.



Im Kulturhistorischen Museum Rostock ist die Freude groß über die Restaurierung expressionistischer Grafiken von Conrad Felixmüller (1897-1977). Wie alle Kunstwerke aus dem Böhmer-Nachlass, haben auch diese Grafiken Felixmüllers aus den Jahren 1915-1925 ihre dramatische Provenienzgeschichte: Bis 1937 in sechs deutschen Museen, in Hamburg, Erfurt, Essen, Frankfurt/M., Saarbrücken und Stuttgart bewahrt, fielen über 150 Werke von Felixmüller der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ – den „Säuberungsaktionen“ der Nationalsozialisten in deutschen Museen – zum Opfer. Von vielen dieser beschlagnahmten Werke fehlt bis heute jegliche Spur, nur 15 Werke von Felixmüller befinden sich im Böhmer-Nachlass des Kulturhistorischen Museums. Jetzt wurde eine sorgfältige Restaurierung der Raritäten durch eine spontane Förderung der Hamburger Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües ermöglicht.
![Abb. 1: Restaurierungswerkstatt Gudrun Kühl [l.], Hamburg: Nikolaus Schües [M.] (Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües) und Dr. Susanne Knuth [r.] (Kulturhistorische Museum Rostock) begutachten die restaurierten Grafiken](https://kulturhistorisches-museum-rostock.de/wp-content/uploads/2021/04/Abb.1-1024x768.jpg)
Abb. 1: Restaurierungswerkstatt Gudrun Kühl [l.], Hamburg: Nikolaus Schües [M.] (Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües) und Dr. Susanne Knuth [r.] (Kulturhistorische Museum Rostock) begutachten die restaurierten Grafiken
Die restaurierten Grafiken entstanden in zwei der wichtigsten und aufregendsten Schaffensjahrzehnte des Künstlers. Auf »expressionistischen Soiréen« in Felixmüllers Dresdner Atelier hinterließen die drei Schlagworte »Wahrheit – Brüderlichkeit – Kunst« ganz individuelle Eindrücke. Sein Inneres konnte Felixmüller spontan mit brillanten Zeichnungen und Grafiken ausdrücken. Die Dresdener Kunsthandlung Emil bot der avantgardistisch-revolutionären Künstlergruppe »Dresdner Sezession – Gruppe 1919« um Conrad Felixmüller, Oskar Kokoschka und Otto Dix eine Bühne. Ihre künstlerischen Aktionen richteten sich gegen ästhetische Normen des guten Geschmacks, die Aura des Originalkunstwerks, gegen moralische, politische und pseudoreligiöse Konventionen der Gesellschaft im Großen wie im Kleinen.
Felixmüllers expressionistische Grafiken und Rostocker Konventionen
Das Rostocker Museum besaß seit 1932 ein Werk der »Dresdner Sezession – Gruppe 1919«, allerdings von Otto Dix und nicht von Conrad Felixmüller. Nur ein Jahr später begann die Ächtung von Felixmüllers Werken als „Entartete Kunst“ in Dresden. Fünf Jahre später wurden etwa 40 Werke auf der „Entarteten Kunst“-Ausstellung (1937) in München gezeigt. Durch die Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ in Rostock verlor das Museum 15 Kunstwerke von mehr oder weniger bekannten Künstlern der Klassischen Moderne –erhielt 1947 durch den sogenannten Böhmer-Nachlass über 1.000 Kunstwerke von vielen bekannten Künstlern der Klassischen Moderne – darunter befanden sich nun auch Werke von Conrad Felixmüller.
Kaum mehr als ein Jahrzehnt verging und die Klassische Moderne wurde erneut diffamiert. Im kalten Januar 1958 öffnete die Ausstellung „Deutsche Grafik des frühen XX. Jahrhunderts“. Akademiker des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Rostock hatten sich zu ungezwungenen Formulierungen im Katalog hinreißen lassen: „Dabei muß aber deutlich bleiben, daß es sich bei den gesellschafts- und zeitkritischen Werken von Grosz, der in Rostock leider nicht vertreten ist, von Beckmann, Dix, Felixmüller, Segall letzten Endes um Werke handelt, die zwar sozialkritisch eingestellt, trotzdem aber in weiten Bezirken sinnbildlich und hintergründig gemeint sind. Man spricht deshalb auch mit einem Fachausdruck vom ›magischen Realismus‹.“ Fachausdruck hin, Terminus her: Den Einen war das zu wenig Realismus, den Anderen zu magisch. Einige verloren jeglichen Spaß an der Ausstellung, hielten diese schwarze Kunst für teuflische Magie.
Die damaligen Zeitungen unterschiedlich politischer Couleur debattierten nur kurz über die Ästhetik und die Zielgruppe. Die rigorose Redaktion der OZ wandte sich »gegen solche dekadenten Werke, gegen die Beleidigung des Schönheitssinnes, gegen die verzerrte Darstellung des Menschen und ähnliches mehr.«[1] Eine Woche später war die Ausstellung geschlossen, die Grafiken abgehängt und im Depot verschwunden. Der hemmungslose Kampf um die Form hatte begonnen, die nervtötende Formalismusdebatte schwebte über der Kunst. Unter den ausgestellten und abgehängten Werken befanden sich auch sechs der nun restaurierten 15 Grafiken von Felixmüller.
Kurz vor der Übersiedlung Felixmüllers nach West-Berlin 1967 erwarb das Rostocker Museum noch zwei Werke direkt vom Künstler und weitere Werke kamen hinzu. Aktuell werden in der Rostocker Sammlung 20 Werke bewahrt - und dazu ein Katalog der Galerie Nierendorf von 1965 mit handschriftlicher Widmung: „für das Museum der Stadt Rostock / ergebenst von Conrad Felixmüller / Berlin-Köpenick / Okt. 1965“.

Abb. 2: Katalog „Conrad Felixmüller“, 8. Kunstblätter der Galerie Nierendorf, September 1965 Berlin; mit Autorgraph auf dem Deckblatt vom Künstler
Großzügige Unterstützung durch die Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües
Die Restaurierung der FELIXMÜLLER-Grafiken aus dem Böhmer-Nachlass, die bisher noch in ihren zwar originalen, aber leider säurehaltigen Passepartouts eingelegt waren, wurde durch die Förderung der Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües zu aller Zufriedenheit ermöglicht.
![Abb. 3: Restaurierungswerkstatt Gudrun Kühl, Hamburg; Nikolaus Schües [r.] (Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües) begutachtet den Stahlstich „Malerfamilie“ (K 72 a G), ein Werk, das sich bis 1937 in der Kunsthalle Hamburg befand, 05.11.25. © KHMR, Susanne Knuth](https://kulturhistorisches-museum-rostock.de/wp-content/uploads/2021/04/Abb.3-1024x768.jpg)
Abb. 3: Restaurierungswerkstatt Gudrun Kühl, Hamburg; Nikolaus Schües [r.] (Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües) begutachtet den Stahlstich „Malerfamilie“ (K 72 a G), ein Werk, das sich bis 1937 in der Kunsthalle Hamburg befand, 05.11.25
Ziel der Kunststiftung ist es, auch durch die Förderung von Restaurierungen zum Erhalt von Kunstwerken beizutragen, um sie für nachfolgende Generationen zu sichern. Der Böhmer-Nachlass ist einzigartig. So sind die Geschichten, die die Kunstwerke selbst erzählen und die ihrer Herkunft untrennbar miteinander verwoben. Herr Schües freut es natürlich besonders, dass sich unter den restaurierten Blättern auch vier Werke aus der Kunsthalle Hamburg befinden. Die temporäre Präsentation im Herkunftsmuseum ist bereits im Gespräch und durch die Restaurierung im Bereich des Möglichen. Was passiert mit den „alten“ originalen Passepartouts? Sie sind ein wichtiges historisches Zeugnis und tragen eindeutige Provenienzmerkmale, wie die Stempel und Inventarnummern der Herkunftsmuseen. Die säurehaltigen Passepartouts werden nun einzeln in Seide eingeschlagen, in säurefreien Mappen aufbewahrt und stehen der aktuellen und zukünftigen Forschung als wichtige Quelle zur Verfügung.
Abb. 4.2: Detail des historischen Passepartouts des Stahlstichs „Malerfamilie“ (K 72 a G)/ Provenienzmerkmale:

Abb. 4.1: Detail des historischen Passepartouts des Stahlstichs „Malerfamilie“ (K 72 a G)/ Provenienzmerkmal: Inventarnummer der Kunsthalle Hamburg „1921, 106“
![Abb. 4.2: Detail des historischen Passepartouts des Stahlstichs „Malerfamilie“ (K 72 a G)/ Provenienzmerkmale: 1) Beschlagnahme „Entartete Kunst“-Inventarnummer: „14458“ [es handelt sich hierbei um eine Nummer, unter denen die Werke im Beschlagnahmeinventar der Nationalsozialisten verzeichnet wurden] 2) Bezeichnung von 1920: „Felixmüller, Konrad „Maler“, Stahlstich, 1920 M 65.-, Hamburg“ 3) Bezeichnung von 1937: [mit dem identischen blauen Stift wie die „EK“-Nr.]: „WAC 3 Hamburg“. © KHMR, Susanne Knuth](https://kulturhistorisches-museum-rostock.de/wp-content/uploads/2021/04/Abb.4.2-1024x152.jpg)
[1] Zeitungsartikel »Weniger wäre besser«, OZ, Nr.17.—21. Januar 1958, S. 4.
Fotos © KHMR, Susanne Knuth
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Kontakt:
Dr. Susanne Knuth